Und was ist nun das Wahre und Bleibende?

Wiprecht war der Spross eines slavischen Geschlechts, das außer andern Güter auch das Balsamer Land, d. i. der linkselbische Strich von Tangermünde über Stendal bis Dannenberg besaß. Er war 1052 geboren; sein Vater war schon Christ, seine Mutter Sigena, die Tochter eines Grafen von Leiningen.
Er galt also durchaus als Deutscher und zwar als der Fürst sächsischen Stammes. Durch Güteraustausch kam er 1073 als Herr von Groitzsch ins Osterland. Hier in diesem Gau bestanden außer der Burg Groitzsch im Elstergebiet noch andere Burgen.
Neben Wiprecht erscheinen Baterich von Teuchern, Friedrich von Cutze (Kitzen), Ficelin von Profen, sein Bruder von Elstertrebnitz und Heyno Tubuchin. Diese Nachbarn empfingen ihn, da er die Grafenrechte des Gaues ausüben wollte, übel und nötigten ihn zur Flucht nach Böhmen. Dort trat er mit dem Herzog und durch diesen mit dem Kaiser Heinrich IV in Verbindung. Er focht für ihn 1080 bei Florchheim und Hohenmölsen, ebenso auf dem Rachezug gegen den Papst Gregor VII in Italien. Wiprechts Heldentaten in Italien bilden das Lieblingsthema des Pegauer Annalisten. Als die belagerten Römer einen Ausfall machen, schlägt er sich durch ihre Schlachtordnung dreimal in wilden Grimme mit dem blosen Schilde, treibt die Feinde bis unter die Stadtmauer, er steigt als zweiter über die Mauer, belagert den Papst in der Peterskirche, wirft ein Verein mit seinem Fahnenträger einen gewaltigen Balken zwischen die Türflügel der Kirche, erobert sie endlich und nimmt den Papst im Sanktuarium gefangen. Das ist nicht die Geschichtliche Wahrheit, sondern entweder der übertreibende Bericht eines Mitkämpfers, den der Mönch noch erzählen hörte, oder ein Stück Spielmannsdichtung. Desselben Ursprungs ist wohl auch die Geschichte von dem Löwen, dem Wiprecht in Rom mit der bloßen Faust die Mähne zerzaust haben soll.
Heimgekehrt bekommt der ruhmgekrönte Held die schöne Tochter des Böhmenkönigs, Judith, auch Jutta genannt, zur Gemahlin und die Gaue Nisani und Budisin (Bautzen) als Mitgift. Ihr, der Judith, erbaute er den Burgort Schwerzau. Wiprecht eroberte seine Groitzscher Besitzungen zurück und ließ auf der Burg 2 starke Türme errichten. Später war er in die Kämpfe verwickelt, die Kaiser Heinrich mit seinem Sohne zu bestehen hatte, er nahm Partei des Sohnes und gehörte zu den schlimmsten Bedrängern des alten Kaisers. Aber auch mit Heinrich V war er zeitweise zerfallen, doch erlangte er von diesem 1123 die Belehnung mit der Mark Meißen.
Auch in zahlreiche private Fehden war er verwickelt.
Einst hatte er in Erfahrung gebracht, dass seine beiden Todfeinde Egelin und Hageno in Zeitz waren. Da überfiel er die Stadt und tötete Egelin mit 17 Genossen. Hageno suchte mit seinen Leuten Zuflucht in der Basilika der Jakobskirche. Weil sie Wiprecht nicht daraus vertreiben konnte, brannte er die Kirche nieder, fing seine Gegner ließ sie blenden.
Die Kirchenschändung in Zeitz und die frühere in Rom erregten sein Gemüt zur Buße. Durch den kirchlichen Sinn seiner Gemahlin angeregt und unter dem Einflusse der ihm verwandten Bischöfe von Magdeburg u. Merseburg entschloß er sich zur Wallfahrt nach Rom. Papst Urban II. verhieß ihm Versöhnung unter der Bedingung, dass er an das Grab des Apostels Jacobus in Compostella in Spanien pilgere. Der raue Kriegsmann fügte sich diesem harten Spruche und nach der glücklichen Heimkehr baute er 1091 über einer teuren ihm anvertrauten Belique das Benediktiner – Kloster Pegau, das erste geistliche Stift, das sich östlich der Saalelinie zu halten vermochte und das unter dem Schutze der Burg eine segensreiche Kulturtätigkeit entfaltete.
Besonders wichtig war die Kolonisationsarbeit, die Wiprecht selbst begann. Er selbst holte aus Franken, aus der Gegend von Lengefeld, wo seine Mutter in 2. Ehe vermählt war, Scharen deutscher Bauern herbei, ließ sie in dem dichten Urwald zwischen Schnauder und Wyhra und weiterhin bis zur Mulde roden und gab ihnen Land zum erblichen Eigentume. Als etwas Spaßhaftes führt der Pegauer Mönch an, dass „jeder das Dorf oder Besitztum, das er mit den Seinen durch eigene Arbeit urbar gemacht hatte, auch nach seinem eigenen Namen nennen sollte". Später ging die fränkische Colonisation noch weit östlich über die Zwickauer Mulde hinaus.
Und diese von Wiprecht geschaffene Kulturlandschaft des Elster – Pleiße – Muldengebiets mit ihren Dörfern, mit ihren Resten des großen einst das ganze Gebiet bedeckenden sogen Miriquidiwaldes, mit ihren gesegneten Feld- u. Wiesenfluren, ihrem Schatz an alten Kirchenbauten, mit ihrer glücklichen Mischung der Bevölkerung aus den Stämmen der Niedersachsen, Thüringer u. Franken, hat sich die vielen Jahrhunderte erhalten bis auf das westliche Gebiet der Kohle, die dem Antlitz dieser friedlichen und einst so schönen Landschaft ein ganz anderes Gesicht gab und noch weiter geben wird.
Das ist das Große und Gute von Wiprecht, der als Kriegsheld sich wandelte und sein Machtstreben in den Dienst der deutschen Kultur und christlicher Verantwortung stellte, wobei er von seinen Frauen bestimmend mit beeinflusst und unterschätzt wurde.
Eine besonders hervorragende Eigenschaft Wiprechts, die von allen seinen Zeitgenossen übereinstimmend gerühmt worden ist, war seine große Klugheit, Erfahrung und Einsicht.
Cosmas von Prag, sein Zeitgenosse, berichtet von ihm z.B. im Jahre 1098:
Damals rief der herzog von Böhmen Wiprecht zu sich und frug ihn um Rat über die Wahl eines neuen Bischofs. Da hat Wiprecht folgende offene Antwort gegeben: (wörtlich nach Cosmas)
„Einst, als Dein Vater noch lebte, galt mein Rat etwas, jetzt leben Leute solcher Art, dass sie meinen, sie wären etwas, da sie doch nichts sind , und denen immer nur ihr eigener Rat wohlgefällt. Ihr wisst aber, dass diejenigen welche in einer so wichtigen Angelegenheit Rat erteilen sollen, frei sein müssen von Zorn und Hass, wie von Mitleid und Freundschaft, denn wo diese das Gemüt beherrschen, wird das menschliche Urteil getrübt. Mich bindet weder irgend eine Freundschaft, noch täuscht mich Mitleid, auch bin ich von Hass und Zorn nicht bewegt und kann demnach vor Euch so sprechen, wie es die Gerechtigkeit verlangt." Und dann hat er seinen Vorschlag gemacht.
Seltsam wie so vieles in seinem Leben war auch Wiprechts Ende. Er war im Frühjahr 1124 als Vogt des Klosters Neuwerk unterwegs in halle. Da brach nachts in seinem Gemach Feuer aus und ergriff die Streu, auf der er schlief. Er erwachte und trat mit bloßen Füßen das Feuer aus, zog sich aber dabei so schwere Brandwunden zu, dass er sich in seine Burg Groitzsch tragen lassen musste. Von hier aus befragte er die Bischöfe von Magdeburg, Merseburg, Zeitz und Meißen wegen seines Seelenheils. Sie rieten ihm das Mönchsgewand zu nehmen. Darauf ließ er sich nach Pegau bringen und empfing im Kloster im Beisein der Brüder am Altar die Kutte.
Nach einigen Tagen ward er von Gott heimgerufen und erlöst.
Sein Leib fand Ruhe im Klosterfrieden.

Wiprecht starb am 22. Mai 1124.

Quelle: handschriftliche Ortschronik der Stadt Groitzsch von Albin Jahn